Workshop der AG Medienwissenschaft und politische Theorie in der Gesellschaft für Medienwissenschaft, an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) Braunschweig und dem Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI) in Braunschweig, 16.–18.09.2026
Organisation: Alina Valjent, Irina Raskin, Markus Dietze, Tobias Conradi
Fragen nach Eigentumsverhältnissen und ihren sozialen und politischen Voraussetzungen und Folgen werden in den letzten Jahren immer wieder unter Rückgriff auf die Formulierung „Wem gehört…“ gestellt: Wem gehört die Stadt? Wem gehört das Internet? Wem gehört Grönland? Meine Daten gehören mir! etc. Die Formel „Wem gehört x?“ unterstreicht sprachlich die Form des Eigentums als Rechtsverhältnis, das ein Subjekt und ein Objekt kennt und unterscheidet zwischen „den Eigentümern, die Ansprüche ausüben, und ihren Gütern, über die Ansprüche ausgeübt werden.“ (Angebauer/Wesche 2024: 215). Gestritten wird dabei gegenwärtig nicht nur um konkrete Eigentumsverhältnisse, sondern auch um die „Deutungshoheit darüber, was Eigentum ist“ (Wesche 2025: 9).
Während Kämpfe für bezahlbaren und würdevollen Wohnraum, (z.B. der Volksentscheid „Deutsche Wohnen und Co enteignen“ in Berlin 2021) oder die sogenannte Planungsdebatte die Vergesellschaftung von Eigentum und Vermögen einfordern, erfährt die autoritäre Aneignung von Land sowie die zunehmende Privatisierung und Kommodifizierung von „Ressourcen“ eine neue geo-politische Brisanz. Zugleich ist mit dem Erstarken neuer Facetten des Autoritarismus – zum Beispiel „libertärer Autoritarismus“ (Amlinger und Nachtwey 2022) oder „technologischer Autoritarismus“ (Bria 2026) – eine „Radikalisierung des Privateigentums“ (Dyk, Reitz und Rosa 2024: 277) zu verzeichnen. Das Prinzip des privaten Eigentums wird deregulativ ausgeweitet, zunehmend monopolisiert und umfasst nun ehemals kollektive Güter und Sphären, die sich einer Warenhaftigkeit zuvor entziehen konnten (vgl. ebd.).
Der Workshop der AG Medienwissenschaft und politische Theorie lädt ein, die Intersektion von Eigentum und Autorität als strittiges und dynamisches Terrain in den Blick zu nehmen. Wie werden Eigentumsverhältnisse medial hergestellt, reproduziert und legitimiert? Wo bestimmen autoritäre (Besitz-)Verhältnisse mediale Konstellationen? Aber auch: Welche Alternativen gibt es zum Zugriff auf Welt als proprietäre Inbesitznahme, zur Logik von Eigentümer:innen, Ansprüchen und Gütern?
Thematischer Schwerpunkt und Anschlüsse
Bereits in der deutschen Ideologie stellten Marx und Engels die Genese des modernen Privateigentums von ständischer Hand zum Eigentum einzelner wirtschaftlicher Akteure dar. Im Laufe dieses Prozesses begannen die marktwirtschaftlichen Bedingungen das gesellschaftliche Leben zu strukturieren: Eigentumsverhältnisse sind eine wirkmächtige Kraft, der sich das Individuum unterordnen muss; die Akzeptanz von Eigentumsverhältnissen gilt als Ausdruck gelungener Sozialisation. Max Horkheimer beschrieb diese gesellschaftliche Bedingung in den Studien über Autorität und Familie. Unterwerfung entstehe „dadurch, dass die Menschen bestimmte ökonomische Erscheinungen, wie zum Beispiel die […] Eigentumsverhältnisse usf. als unmittelbare oder natürliche Tatsachen gelten lassen.“ (Horkheimer 1987 [1936]: 41)
Zeitgenössische Kritiken machen deutlich, dass das moderne Eigentumsrecht mit einer vergeschlechtlichten und rassifizierten Subjektivierung einhergeht (vgl. Bhandar 2018; Redecker 2023; Bergermann 2025). Problematisiert wird dabei, dass Privateigentum nicht nur Land, Natur, Güter, Wohnraum etc. dem öffentlichen Gebrauch entzieht (vgl. Loick 2016), sondern dass es eine Verfügungsgewalt inkl. dem Recht auf Zerstörung gewährt (vgl. Redecker 2023). Gegenständlich werden solche Perspektiven beispielsweise in libertärem Freiheits-, Disruptions- und Fortschrittsdenken und dessen besitzergreifendem Weltverhältnis und seiner possessiven Subjektivierungsweise. Solche dem Prinzip des Eigentums verhafteten Vorstellungen von Freiheit sind aus dieser Sichtweise autoritär, da man sich dem Beherrscht-Werden immer nur entziehen kann, indem man selbst zum Herrschenden wird (vgl. Harney und Moten 2021). Emanzipatorische Bewegungen haben zwar soziale Entrechtungen eingedämmt, nicht jedoch das moderne Eigentum als vorherrschendes Modell der Beziehungsweise zur Welt grundsätzlich verändert (vgl. Redecker 2023).
Wie sind in diesem Lichte Grundsätze wie „Eigentum verpflichtet“, aber auch mit dem Privateigentum eng verknüpfte Versprechen von Selbstschutz und Freiheit zu bewerten? Was für ein Verhältnis zur Welt, zu Mitmenschen, Natur und Dingen wird durch das moderne Eigentum vermittelt? Und wie verändert sich der moderne Eigentumsbegriff durch Entwicklungen wie den Plattform-Kapitalismus?
Die Suche nach Alternativen führt etwa zum Begriff der Commons: Silvia Federici beispielsweise markiert ein steigendes Interesse an der Idee des Gemeinschaftseigentums durch die radikale Linke mit der Zapatista-Bewegung Anfang der 90er (Federici 2020: 87). Commons erscheinen hier als „Alternative sowohl zum Staats- als auch zum Privateigentum“ (Federici 2020: 88). In mediopolitischen und medialen Kontexten werden zudem häufig Creative Commons und Open Source als erprobte Beispiele für nicht ausbeuterische Wirtschaftsweisen betrachtet.
Vor dem Hintergrund der extraktiven Logik von KI-Systemen zeigt sich zugleich, wie anfällig derartige Konzepte für ungewollte Aneignungen sind. Die im Hinblick auf den Klimawandel dringend notwendige sozio-ökologische Transformation, so die These, ist ohne eine Modifikation des possessiven Weltverhältnisses nicht zu verwirklichen. Wie also sehen alternative Weisen des Bezugs, des Wirtschaftens, des Gebrauchens, der Solidarität aus? Welche Praktiken und Konzepte ermöglichen es, „[d]ie Welt [zu] gebrauchen, ohne sie sich anzueignen.“ (Loick 2016: 130) Und wie lässt sich ein Verständnis von Eigentum verwirklichen, das nicht auf Autorität, Verbrauch und Zerstörung ausgerichtet ist?
Mögliche Beitragsformate
Da wir eine möglichst niedrigschwellige Beteiligung ermöglichen möchten, sind verschiedene Beitragsformate denkbar und möglich, neben Einzelvorträgen beispielsweise kollektive Formen des Nachdenkens, praktische Workshops, Werkstattberichte, Text- und Materialdiskussionen.
Die Workshops der AG Medienwissenschaft und politische Theorie verstehen sich über das jeweils konkrete Workshopthema hinaus immer auch als offenes Forum zur Diskussion aktueller oder historischer Fragestellungen rund um die Verbindung von Medienwissenschaft und politischer oder soziologischer Theorie, Sozialphilosophie, politischer Praxis und Hochschulpolitik. Vorschläge für Textdiskussionen oder für eines der möglichen Beitragsformate sind daher immer auch außerhalb des Schwerpunkts willkommen und erwünscht.
Der Workshop ist offen für interdisziplinäre Impulse einerseits sowie Beiträge und Berichte aktivistischer Gruppen andererseits. Wir freuen uns über die Beteiligung von Studierenden und Wissenschaftler*innen aller Qualifikationsstufen ebenso wie von Personen und Gruppen, die sich innerhalb und außerhalb der Wissenschaft mit den entsprechenden Themenfeldern beschäftigen.
Bitte sendet uns eure Ideen zu Inhalt und Format, ein paar Angaben zu eurem eigenen akademischen oder aktivistischen Hintergrund sowie den idealen Zeitrahmen für euren Beitrag. Schickt gerne auch Vorschläge, Ideen oder Bedürfnisse (z. B. bzgl. Kinderbetreuung oder Barrierefreiheit) für einen guten Workshopverlauf bis zum 05.06. an das Orga-Team unter i.raskin@hbk-bs.de. Bei fehlender anderweitiger Finanzierung können wir euch ggf. bei den Fahrtkosten unterstützen.
Der Workshop ist als Präsenzveranstaltung an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) Braunschweig und dem Leibniz-Institut für Bildungsmedien | Georg-Eckert-Institut (GEI) in Braunschweig geplant und findet vom 16.–18. September 2026 statt.
Literatur
Amlinger, Carolin; Oliver Nachtwey. 2022. Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus. Berlin: Suhrkamp.
Angebauer, Niklas; Tilo Wesche. 2024. Theorien des Eigentums. Hamburg: Junius.
Bhandar, Brenna. 2018. Colonial Lives of Property. Law, Land, and Racial Regimes of Ownership. Durham: Duke University Press.
Bergermann, Ulrike. 2025. Property: Colonial Histories and Messages to the Future. Lüneburg: meson press.
Bria, Fransesca. 2026. Der Autoritäre Block: Die Verflechtung von Big Tech und Staatsmacht. In: Rosa Luxemburg Stiftung, Kommentar. https://www.rosalux.de/news/id/54438/der-autoritaere-block-die-verflechtung-von-big-tech-und-staatsmacht.
Dyk, Silke van; Tilman Reitz und Hartmut Rosa. Nach dem Privateigentum? In: Nach dem Privateigentum? Güter, Infrastrukturen und Weltverhältnisse im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts. Frankfurt/New York: Campus Verlag, 227–248.
Federici, Silvia. 2020. Der Feminismus und die Politik der Commons (2010), In: Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution. Münster: edition assemblage, 87–105.
Horkheimer, Max. Theoretische Entwürfe über Autorität und Familie. Allgemeiner Teil. In: Studien über Autorität und Familie. Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialforschung. Lüneburg Dietrich zu Klampen Verlag.
Loick, Daniel. 2016. Der Missbrauch des Eigentums. Berlin: August Verlag.
Marx, Karl und Friedrich Engels. 2017. Deutsche Ideologie. Manuskripte und Drucke. Bearbeitet von Ulrich Pagel, Gerald Hubmann und Christine Weckwerth. In: Marx-Engels-Gesamtausgabe (MEGA2). Abteilung I. Band 5. Herausgegeben von der Internationalen Marx-Engels-Stiftung (IMES) Amsterdam. Berlin/Boston: De Gruyter Akademie Forschung.
Redecker, Eva von. 2023 (2020). Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch.
Harney, Stefano und Fred Moten. 2021. All Incomplete. Colchester/New York/Port Watson: Minor Compositions.
Wesche, Tilo. 2025. „Einleitung – Was ist Eigentum?“, In: Umkämpftes Eigentum. Eine gesellschaftstheoretische Debatte. Hrsg. v. Niklas Angebauer, Jacob Blumenfeld, Tilo Wesche. Berlin: Suhrkamp, 9–54.